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Unterwegs Richtung Mut ![]()
Lissabon 1938. Pereira, ein übergewichtiger herzkranker Mann Mitte 40, arbeitet als Redakteur für die Kulturseite der Zeitung Lisboa. Seit dem Tod seiner Frau lebt er allein. Die politischen Umwälzungen, die der Faschismus seinem Heimatland bringt, interessieren ihn nur am Rande. Bis er auf einen Artikel eines Philosophen namens Monteiro Rossi stößt und den jungen Mann anruft.
Pereira ist ein eher bemitleidenswerter Protagonist, der aus Mangel an sozialen Kontakten und Freundschaften rege Gespräche mit einem Foto seiner verstorbenen Frau führt. Er kehrt täglich in dasselbe Café ein, dessen Kellner ihn mit aktuellen Neuigkeiten versorgt; dort liest er Zeitung und bestellt immer dasselbe: Limonade und Omelette, was beides seinem körperlichen Befinden eher schadet als nutzt. Sein Hobby ist sein Beruf, und er übersetzt französische Literatur ins Portugiesische; Erzählungen, die er später in der Lisboa veröffentlicht. Ein Essay über Leben und Tod, den er in einer Zeitung liest, weckt sein Interesse, und er setzt sich mit dessen Verfasser Rossi in Verbindung und bietet ihm freiberufliche Zusammenarbeit bei der Lisboa an. Rossis Artikel sind unbrauchbar, politisch links gefärbt, polemisch, sie können nicht veröffentlicht werden. Pereira verwahrt sie und bezahlt Rossi aus eigener Tasche.
Sich einfach aus freien Stücken mit einem Fremden in Kontakt zu setzen, ist schon untypisch für Pereira, aber es ist der erste Schritt zur Auseinandersetzung mit dem, was in seiner nächsten Umgebung, und dem, was im Staat geschieht, einer Auseinandersetzung, die in einem Bekenntnis und einer mutigen Tat gipfelt.
Pereiras Entwicklung vollzieht sich langsam, ohne dass er zunächst in einschneidende Ereignisse verwickelt wird. Er erlebt Unsicherheit, Angst und Überzeugung bei Rossi und dessen Freundin Marta, er wird gebeten, ein Versteck für einen Widerstandskämpfer zu organisieren, er führt anregende Gespräche mit dem Kellner und einem Arzt, den er während eines Kuraufenthaltes kennenlernt, und nicht zuletzt hat er auf Geheiß seines Herausgebers die Veröffentlichungen seiner Übersetzungen abzubrechen und sich patriotischen portugiesischen Schriftstellern zu widmen.
Spannung erhält das Buch auch durch die Frage, wer der unbekannte Erzähler ist, dem Pereira erklärt, was er erlebt und erfahren hat. Dieser Erzähler ist Zuhörer und Berichterstatter, er taucht als Person nicht auf, kann Polizeischerge oder Journalist, Freund oder Feind sein. Diese Frage löst der Autor am Ende mit einer wunderbaren Pointe auf.
Macht Mut ![]()
Kann man sich der Politik entziehen, unter einer Diktatur zumal? Ja. Es gibt genug Nischen, in denen man es sich bequem machen kann. Wie ein gewisser Pereira in Lissabon. Man muß die Augen nicht unbedingt verschließen, man darf nur den Mund nicht öffnen und schon wehen die politischen Zustände über einen hinweg. Trotzdem läßt er sich um seine Beschaulichkeit bringen, als Monteiro Rossi und seine Freundin Marta in sein Leben treten. Ein Leben, daß unter der eigenen Vergangenheit wie begraben da liegt. Daß Tabucchi seinen Helden daraus erwachen läßt, liegt in seinem Glauben daran, daß es nur eines Anstoßes braucht, um einen inneren Umsturz zu erzielen.
Zur richtigen Zeit, von den richtigen Personen und man bewegt sich doch. Einher geht diese Veränderung in Pereira mit dem Gefühl, daß das Leben zu ihm zurückkehrt. Die Angst, wie der Mut, wie die Zweifel, unter Umständen sogar den Tod. Doch ein Leben, ohne all das, was einen Menschen ausmacht, erzählt uns Tabucchi in seinem klugen Roman, ist kein Leben, das sich zu leben lohnt.
Held wider Willen! ![]()
Antonio Tabucchis wunderbare Erzählung "Erklärt Pereira" ist ein Lehrstück der Zivilcourage. Der Leser liest eine Zeugenaussage von einer solchen Brisanz, das die Seiten des Buches förmlich knistern. Es beginnt mit der eher harmlosen Schilderung eines mittelmäßigen Charakters, der sich viele Jahre einfach abgefunden hat mit einem Leben in der Diktatur. Er führt ein stilles Dasein im Privaten. Sich raushalten, die anderen machen lassen, damit konnte er viele Jahre gut und unbehelligt leben.
Doch dann wird das Wegsehen zur Qual, die Einmischung zum Bedürfnis.
Diese Wandlung "erklärt" Pereira auf einer Lissaboner Polizeistube.
Er erzählt von seiner Arbeit als Journalist, davon, wie er sich auf seinen Ruhestand freute, um sich dann ganz dem Gedenken an seine bereits verstorbene Frau und der Lektüre seiner französischen Lieblingsdichter zu widmen.
Doch dann bekommt er einen Auftrag von Monteiro, der ihn bittet, Nekrologe zu schreiben. Monteiro fasziniert Pereira. Denn unerschrocken mischt er sich ein, prangert an und baut mit Gleichgesinnten ein Netzwerk des Widerstandes auf. Damit geht er bewusst große Risiken ein. Und Pereira wächst im entscheidenden Moment über sich hinaus. Nun schaut er nicht mehr weg, sondern versteckt Monteiro, beginnt ebenfalls Widerstand zu leisten und sich nicht mehr zu verstecken...
Antonio Tabucchis Pereira ist kein Held, er hat viele Ängste und Skrupel. Ein Leben in der Diktatur stumpft auch ab. Und doch: Im entscheidenden Moment gibt er seinem Leben eine Wendung, die ihn überhaupt nicht überlegen lässt. Intuitiv tut er das Richtige, ohne Rücksicht auf die empfindlichen Folgen.
"Erklärt Pereira" ist ein Buch über den alltäglichen Schrecken der Diktatur, die 1938, als die Handlung dieses Buches beginnt, ja halb Europa in ihren Klauen hielt. Viele Menschen sind an ähnlichen Situationen, wie der der Pereira ausgesetzt ist, zerbrochen. Aber es gibt und gab eben auch überall diese stillen Helden, die für einen Augenblick ihres Lebens nicht abwägten, sondern instinktiv und mutig der Menschlichkeit den Vorzug gaben.Tabucchi hat darum hier einem fiktiven Helden eine Stimme gegeben, der zeigt, dass auch in einer Diktatur nicht alles verloren ist und es eben immer auch diese Helden wider Willen gibt!
Volle Punktzahl ![]()
In den 20er und 30er Jahren wurden in vielen europäischen Ländern die Demokratie durch autoritäre oder totalitäre Regime beseitigt. In Portugal war das ab 1932 das Salazar-Regime.
Dieser Roman zeigt, wie die unpolitischen und rebellierenden Menschen nebeneinander leben. Und Pereira ist der Prototyp des "unpolitischen Menschen". Er hängt täglich den Erinnerungen mit seiner Frau nach, die uns Leser aber nichts angehen, erklärt Pereira.
Dann trifft er nach und nach auf Leute, die ihn alle leicht beeinflussen und sein neues "hegemonisches Ich" meldet sich. Was das ist, bekommt der herzkranke Pereira vom Psychologen Dr. Cardoso erklärt. Daran glaubt er genauso wenig, wie an die Auferstehung des Fleisches, jedoch entwickelt sich schnell eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden.
Wie sich Pereira entwickelt und was alles um ihn geschieht ist sehr lehrreich und interessant. Ich geben dem Roman die volle Punktzahl und werde in Zukunft vielleicht noch ein Buch aus der Brigitte-Edition lesen, der ich zuvor wohl etwas zuviel Misstrauen entgegengebracht habe.
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