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Erklärt Pereira: Eine Zeugenaussage

Dtv by Antonio Tabucchi Search Antonio Tabucchi
Erklärt Pereira: Eine Zeugenaussage by Antonio Tabucchi Preis: EUR 8,00

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...und bestellt eine Kräuteromelette
Es ist 1938, die Zeit der Salazar-Diktatur in Portugal, des aufblühenden und sich festigenden Faschismus in Deutschland, Italien und Spanien.

Der alternde und kränkelnde Journalist Dr. Pereira ist das, was man einen unpolitischen Menschen nennt. Obwohl Journalist, interessieren ihn tagesaktuelle Ereignisse nicht. Stattdessen betreut er die Kulturredaktion einer kleinen Lissabonner Abendzeitung, für die er hauptsächlich französische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts übersetzt und veröffentlicht. Ansonsten ist er ein einsamer Mann, der nach dem Tode seiner Frau mit deren Foto die Dinge des Tages "bespricht".

Dies alles ändert sich allmählich, als er einen jungen Mann engagiert, um Nachrufe für noch lebende Schriftsteller zu verfassen, damit diese in deren Todesfall schnell gedruckt werden können.

Dieser junge Mann, Monteiro Rossi, liefert unpünktlich Nachrufe, die aufgrund ihres republikanischen Gehalts niemals die Zensur passieren würden. Er ist unzuverlässig, selten oder nur unter konspirativen Umständen zu erreichen und wochenlang unauffindbar "im Alentejo unterwegs".

Selbst Pereira wird klar, dass dieser Mann und seine junge Freundin Marta als Widerstandskämpfer im Untergrund leben. Pereira entwickelt eine vorsichtige Sympathie für die Personen und deren Sache. In dem Kurarzt Dr. Cardoso findet er zudem einen Menschen, der ihn ermutigt, Stellung zu beziehen.

Als Monteiro Rossi von Schergen der Salazar-Geheimpolizei ermordet wird, ist die Zeit für Pereira gekommen, ein Zeichen des Widerstands zu setzen...

Der Roman ist als eine Zeugenaussage verfasst, die gegenüber einem nicht genannten Empfänger abgegeben wurde. Aus diesem Stilmittel resultieren sowohl der Titel als auch die ständig sich wiederholenden Formulierungen "Pereira erklärt" und "erklärt Pereira", die das Gerüst des Textes bilden.

Obwohl die Figur des Pereira komplex gezeichnet ist und seine langsame Wandlung vom unpolitisch-passiven Mitläufer zu einem Menschen mit Gewissen durchaus glaubwürdig geschildert wird, konnte mich die Geschichte nicht wirklich berühren.

Womöglich, weil die Wandlung zu deutlich vorhersehbar und die Rollen allzu klar verteilt sind. Die ansonsten gesichtslose Diktatur wird nur in den menschenverachtenden Geheimpolizisten erkennbar. Sie scheint keinerlei Aspekte zu beinhalten, die die Menschen in irgendeiner Weise für sich einnimmt, so dass Ablehnung und Widerstand als einzige Option erscheinen. Dabei wissen wir aus den leidvollen Erfahrungen mit dem italienischen und deutschen Faschismus und Nationalsozialismus, dass von diesen Regimen durchaus eine irrationale und letztlich fatale Anziehungskraft ausging.

Insgesamt fand ich den Roman daher etwas zu eindimensional, zu bruchlos um wirkliche Identifizierung mit den Figuren zu bewirken. Mir fehlten die Konflikte und Spannungsbögen, die einer Geschichte ihren Charakter verleihen. Bezeichnend hierfür ist, dass mir von dem Buch stärker als der Inhalt die "österreichische" Übersetzung von Frau Fleischhanderl in Erinnerung geblieben ist, die landestypisch permanent "die Omelette" schreibt, statt das Omelette (und Pereira isst unglaublich viele 'Omeletten'). An dieser scheinbaren Belanglosigkeit habe ich gemerkt, dass mich der Inhalt des Buches nicht so tief berührt hat, wie es das Thema grundsätzlich vermag. Deshalb kann ich nicht umhin, nur drei Sterne zu vergeben.

Unterwegs Richtung Mut
Lissabon 1938. Pereira, ein übergewichtiger herzkranker Mann Mitte 40, arbeitet als Redakteur für die Kulturseite der Zeitung Lisboa. Seit dem Tod seiner Frau lebt er allein. Die politischen Umwälzungen, die der Faschismus seinem Heimatland bringt, interessieren ihn nur am Rande. Bis er auf einen Artikel eines Philosophen namens Monteiro Rossi stößt und den jungen Mann anruft.
Pereira ist ein eher bemitleidenswerter Protagonist, der aus Mangel an sozialen Kontakten und Freundschaften rege Gespräche mit einem Foto seiner verstorbenen Frau führt. Er kehrt täglich in dasselbe Café ein, dessen Kellner ihn mit aktuellen Neuigkeiten versorgt; dort liest er Zeitung und bestellt immer dasselbe: Limonade und Omelette, was beides seinem körperlichen Befinden eher schadet als nutzt. Sein Hobby ist sein Beruf, und er übersetzt französische Literatur ins Portugiesische; Erzählungen, die er später in der Lisboa veröffentlicht. Ein Essay über Leben und Tod, den er in einer Zeitung liest, weckt sein Interesse, und er setzt sich mit dessen Verfasser Rossi in Verbindung und bietet ihm freiberufliche Zusammenarbeit bei der Lisboa an. Rossis Artikel sind unbrauchbar, politisch links gefärbt, polemisch, sie können nicht veröffentlicht werden. Pereira verwahrt sie und bezahlt Rossi aus eigener Tasche.
Sich einfach aus freien Stücken mit einem Fremden in Kontakt zu setzen, ist schon untypisch für Pereira, aber es ist der erste Schritt zur Auseinandersetzung mit dem, was in seiner nächsten Umgebung, und dem, was im Staat geschieht, einer Auseinandersetzung, die in einem Bekenntnis und einer mutigen Tat gipfelt.
Pereiras Entwicklung vollzieht sich langsam, ohne dass er zunächst in einschneidende Ereignisse verwickelt wird. Er erlebt Unsicherheit, Angst und Überzeugung bei Rossi und dessen Freundin Marta, er wird gebeten, ein Versteck für einen Widerstandskämpfer zu organisieren, er führt anregende Gespräche mit dem Kellner und einem Arzt, den er während eines Kuraufenthaltes kennenlernt, und nicht zuletzt hat er auf Geheiß seines Herausgebers die Veröffentlichungen seiner Übersetzungen abzubrechen und sich patriotischen portugiesischen Schriftstellern zu widmen.
Spannung erhält das Buch auch durch die Frage, wer der unbekannte Erzähler ist, dem Pereira erklärt, was er erlebt und erfahren hat. Dieser Erzähler ist Zuhörer und Berichterstatter, er taucht als Person nicht auf, kann Polizeischerge oder Journalist, Freund oder Feind sein. Diese Frage löst der Autor am Ende mit einer wunderbaren Pointe auf.

Macht Mut
Kann man sich der Politik entziehen, unter einer Diktatur zumal? Ja. Es gibt genug Nischen, in denen man es sich bequem machen kann. Wie ein gewisser Pereira in Lissabon. Man muß die Augen nicht unbedingt verschließen, man darf nur den Mund nicht öffnen und schon wehen die politischen Zustände über einen hinweg. Trotzdem läßt er sich um seine Beschaulichkeit bringen, als Monteiro Rossi und seine Freundin Marta in sein Leben treten. Ein Leben, daß unter der eigenen Vergangenheit wie begraben da liegt. Daß Tabucchi seinen Helden daraus erwachen läßt, liegt in seinem Glauben daran, daß es nur eines Anstoßes braucht, um einen inneren Umsturz zu erzielen.

Zur richtigen Zeit, von den richtigen Personen und man bewegt sich doch. Einher geht diese Veränderung in Pereira mit dem Gefühl, daß das Leben zu ihm zurückkehrt. Die Angst, wie der Mut, wie die Zweifel, unter Umständen sogar den Tod. Doch ein Leben, ohne all das, was einen Menschen ausmacht, erzählt uns Tabucchi in seinem klugen Roman, ist kein Leben, das sich zu leben lohnt.

Held wider Willen!
Antonio Tabucchis wunderbare Erzählung "Erklärt Pereira" ist ein Lehrstück der Zivilcourage. Der Leser liest eine Zeugenaussage von einer solchen Brisanz, das die Seiten des Buches förmlich knistern. Es beginnt mit der eher harmlosen Schilderung eines mittelmäßigen Charakters, der sich viele Jahre einfach abgefunden hat mit einem Leben in der Diktatur. Er führt ein stilles Dasein im Privaten. Sich raushalten, die anderen machen lassen, damit konnte er viele Jahre gut und unbehelligt leben.
Doch dann wird das Wegsehen zur Qual, die Einmischung zum Bedürfnis.

Diese Wandlung "erklärt" Pereira auf einer Lissaboner Polizeistube.
Er erzählt von seiner Arbeit als Journalist, davon, wie er sich auf seinen Ruhestand freute, um sich dann ganz dem Gedenken an seine bereits verstorbene Frau und der Lektüre seiner französischen Lieblingsdichter zu widmen.
Doch dann bekommt er einen Auftrag von Monteiro, der ihn bittet, Nekrologe zu schreiben. Monteiro fasziniert Pereira. Denn unerschrocken mischt er sich ein, prangert an und baut mit Gleichgesinnten ein Netzwerk des Widerstandes auf. Damit geht er bewusst große Risiken ein. Und Pereira wächst im entscheidenden Moment über sich hinaus. Nun schaut er nicht mehr weg, sondern versteckt Monteiro, beginnt ebenfalls Widerstand zu leisten und sich nicht mehr zu verstecken...

Antonio Tabucchis Pereira ist kein Held, er hat viele Ängste und Skrupel. Ein Leben in der Diktatur stumpft auch ab. Und doch: Im entscheidenden Moment gibt er seinem Leben eine Wendung, die ihn überhaupt nicht überlegen lässt. Intuitiv tut er das Richtige, ohne Rücksicht auf die empfindlichen Folgen.

"Erklärt Pereira" ist ein Buch über den alltäglichen Schrecken der Diktatur, die 1938, als die Handlung dieses Buches beginnt, ja halb Europa in ihren Klauen hielt. Viele Menschen sind an ähnlichen Situationen, wie der der Pereira ausgesetzt ist, zerbrochen. Aber es gibt und gab eben auch überall diese stillen Helden, die für einen Augenblick ihres Lebens nicht abwägten, sondern instinktiv und mutig der Menschlichkeit den Vorzug gaben.Tabucchi hat darum hier einem fiktiven Helden eine Stimme gegeben, der zeigt, dass auch in einer Diktatur nicht alles verloren ist und es eben immer auch diese Helden wider Willen gibt!

Volle Punktzahl
In den 20er und 30er Jahren wurden in vielen europäischen Ländern die Demokratie durch autoritäre oder totalitäre Regime beseitigt. In Portugal war das ab 1932 das Salazar-Regime.

Dieser Roman zeigt, wie die unpolitischen und rebellierenden Menschen nebeneinander leben. Und Pereira ist der Prototyp des "unpolitischen Menschen". Er hängt täglich den Erinnerungen mit seiner Frau nach, die uns Leser aber nichts angehen, erklärt Pereira.

Dann trifft er nach und nach auf Leute, die ihn alle leicht beeinflussen und sein neues "hegemonisches Ich" meldet sich. Was das ist, bekommt der herzkranke Pereira vom Psychologen Dr. Cardoso erklärt. Daran glaubt er genauso wenig, wie an die Auferstehung des Fleisches, jedoch entwickelt sich schnell eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden.

Wie sich Pereira entwickelt und was alles um ihn geschieht ist sehr lehrreich und interessant. Ich geben dem Roman die volle Punktzahl und werde in Zukunft vielleicht noch ein Buch aus der Brigitte-Edition lesen, der ich zuvor wohl etwas zuviel Misstrauen entgegengebracht habe.


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