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Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Name Charles Lewinsky ist in seiner Schweizer Heimat längst eine feste Größe. Hierzulande führte der Autor bislang ein merkwürdiges Schattendasein. Kannte man ihn höchstens für seinen preisgekrönten Roman Johannistag (2002), so wird sich dies nun mit einem Doppelschlag ändern. Fast zeitgleich mit Oliver Hirschbiegels nach einer Lewinsky-Vorlage gedrehtem Film Ein ganz gewöhnlicher Jude mit Ben Becker in der Hauptrolle, erscheint ein weiteres mächtiges Werk des Autors, die fast 800 Seiten starke Saga der jüdischen Familie des Salomon Meijer. Deren geruhsames Leben im schweizerischen Judendorf Endingen wird gründlich auf den Kopf gestellt, als im Jahre 1871 der aus der französischen Armee entflohene Janki auftaucht. Eine lange Reise ins Unaussprechliche beginnt. Mit dabei, Onkel Melnitz, der immer, wenn er gestorben war, wieder zurückkehrte. Und der immer schon alles wusste!
Sie werden geduldet, die Schweizer Juden, mehr nicht. Dies machen die über vier Generationen sich erstreckenden Lebensläufe all der Meijers, Jankis, des eleganten Lebemanns François, bis hin zum Ururenkel Hillel klar. Das Ringen um Anerkennung bleibt vergebens, so vorbildlich die Lebensweise all dieser Menschen auch sein mag, die sich als Juden eigentlich gar nicht mehr begreifen. Die Schikanen nehmen kein Ende. Als im Jahr 1893 die Schweiz das Schächtverbot erlässt, bedeutet dies das Ende des Metzgers Pinchas. Juden müssen ihr Fleisch fortan importieren. Selbst die christliche Taufe, François' letzter Versuch der Assimilation, bringt nicht die ersehnte Anerkennung. Onkel Melnitz, der stets präsente Untote, hat es längst gewusst. Durch die Jahrhunderte mäandernd, kennt er die Losung: Einmal Jude immer Jude. Sie werden uns nie anerkennen!
Lewinsky schuf ein unspektakuläres, von Traurigkeit getöntes und stilles Werk von erhabener Größe, das in der bislang größten Menschheitskatastrophe sein unheilvolles Ende findet. Als Hillel bei einer Schweizer Veranstaltung entsetzt die Worte des Demagogen, "Juden könne man nicht bessern, man kann sie nur ausrotten!" vernimmt, kennt er das fürchterliche Schicksal, das den deutschen Zweig der Familie Meijer erwartet. Und Onkel Melnitz? Der ewige Mahner? Der kann nur bitter lachen. Er hatte wieder mal alles gewusst! Charles Lewinsky, seinem Sprachrohr, muss man unendlich dankbar sein. --Ravi Unger
Nicht nur ein Buch, sondern ein Erlebnis... ![]()
Lewinsky ist mit diesem Buch ein Roman gelungen, der nicht nur die Geschichte einer Jüdischen Familie über vier Generationen schildert - Vielmehr verschafft er allen Interessierten einen Einblick über Jüdisches Leben, Rituale und Sprache, eingebettet in die Geschichte Europas zwischen 1871 und 1945.
Gerade wer sich etwas für das Jiddische interessiert, wird sehr auf seine Kosten kommen. Der Roman ist gespickt mit Redewendungen und Begriffen, die aus dem Jiddischen sind. Leider entdeckte ich das Glossar der einzelnen Wörter erst zum Schluss. (In meiner Angst aus Versehen etwas vom Schluss zu lesen, blättere ich nie, bevor ich das Buch nicht gelesen habe, zu dessen Ende ;-)) Doch trotzdem hatte ich keine Probleme diese Begriffe zu verstehen, erklären sie sich doch meist im Buch selbst.
Natürlich kann kein Buch über eine Jüdische Familie erzählt werden, ohne eingebettet zu sein, in dem schweren Stand, den die Juden über Jahrhunderte in der Gesellschaft hatten. Wie dramatisch sich das Leben der Juden im letzten Jahrhundert in Deutschland verändert hat, war mir natürlich bekannt. Doch diese Familie lebt in der Schweiz, so dass dies noch mal eine andere, als die bereits bekannte Perspektive war. Sehr lehrreich auch in diesem Zusammenhang die Rolle der Schweiz während der NS-Zeit.
Unter anderem mit dieser Rolle geht der Autor mit Hilfe der immer wieder auftauchenden Titelfigur "Melnitz" ins Gericht. Er personifiziert das Nicht-Wegsehen, das Nicht-Vergessen und das Nicht-Ruhefinden.
Er ist der Geist aller Geschundenen und Ermordeten, aller Verfolgten und aller gefolterten Juden.
Wie selbstverständlich gehen die Akteure im Roman mit ihm um, sie wissen, er ist tot und ist in diesem Augenblick doch lebendig. Sprechen mit ihm, versuchen ihn trotzdem zu ignorieren. Wollen ihm keine Antworten geben und rechtfertigen sich am Ende dann doch.
Lewinsky schafft mit der Figur des Melnitz den Bogenschlag von einem ,netten Familienroman' zum Beitrag zur Aufarbeitung Jüdischer Geschichte der letzten Jahrhunderte. Einfach grandios!
Auffallend bei diesem Buch ist es, dass sich der Erzähler in jede einzelne Person hineinzudenken vermag. Er argumentiert und denkt in ihrem Schema, was teils zu ironischen, jedoch dadurch nicht zwangsläufig lustigen Passagen führt.
Sehr oft bringt er so in literarischer Brillanz zwischenmenschliche Beziehungen und Geschehnisse auf den Punkt - ohne dabei eine halbe Seite zu benötigen.
Obwohl naturgemäß viele Personen mit vielen Namen im Laufe der Jahrzehnte auftauchen, so kommt man dennoch nicht durcheinander. Jede Einzelne ist derart klar und präzise geschildert, dass ein Durcheinander oder eine Verwechslung nicht aufkamen.
Ebenso die Familienverhältnisse und die Namen sind zu jedem Zeitpunkt klar. Dieses anstrengende..."Wer war das nun wieder? Das war nun die Tochter von wem und die Schwester von wem?" Kam nicht auf.
Bei so viel agierenden Personen ist dies schlicht und ergreifend eine Glanzleistung.
Nach guten 750 Seiten war ich einfach nur traurig, dass dieses Buch nun zu Ende war, ertappte mich witzigerweise selbst, wie ich Wörter wie "Meschugge" und "Mischpoche" gebrauchte... und hoffe inständig auf eine Fortsetzung. Was wohl eher ein hehrer Wunsch ist...
Kurzum: Ein vermeintlich leicht zu lesender Roman, der es aber in sich hat. Absolut empfehlenswert - Daher voller Sternchenzahl!
Dran bleiben ![]()
Wollte schon aufgeben, doch die Leichtigkeit, mit der der Autor diese über Generationen laufende Familiengeschichte erzählt, hat mich immer wieder -und zum Schluß stundenlang- fasziniert. Zunächst bloß eine Familiengeschichte, dann aber doch viel viel mehr und vor allem interessante Information über jüdisches Leben in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland vor und während der Kriege. Und immer wieder zur rechten Zeit der Auftritt von Melnitz: meisterhaft!
Habe leider zu spät entdeckt, daß hinten das Glossar der jüdischen Ausdrücke angefügt ist, sehr sehr hilfreich auch der Stammbaum.
Der Irrwitz des Alltäglichen ![]()
Charles Lewinsky ist nicht nur ein exzellenter Beobachter, er findet auch stets die Worte, die eine Situation auf den Punkt genau beschreiben, die selbst die verborgensten Motive menschlichen Handelns entlarven und das Groteske des scheinbar Alltäglichen hemmungslos offenbaren. Dabei geht er auch mit den zweifelshaften Charaktereigenschaften seiner Figuren stets liebevoll um - ohne sie im geringsten zu verharmlosen oder zu verschleiern. Auf diese Weise beschreibt er echte Menschen mit all ihren Ecken und Kanten, Ängsten und Hoffnungen, Stärken, Schwächen und Widersprüchen. Spektakulär ist das nicht. Aber eine Familiengeschichte ist ja auch kein Abenteuerroman. Es sei denn, der Leser versteht sich auf die leisen Töne und ist in der Lage, das Abenteuerliche im "ganz normalen Leben" zu erkennen. Mal ganz davon abgesehen, dass Antisemitismus und Holocaust eigentlich der Dramatik genug sein sollten.
Für mich ist dieser Roman beste Erzählkunst. Einzige Kritik: Er hätte doppelt so dick sein dürfen. Dann wäre Raum geblieben, um einige Figuren im letzten Teil der Geschichte deutlicher auszuleuchten. So bleiben sie und ihr weiteres Schicksal leider zu vage.
eine liebevolle Familienchronik ![]()
Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, Mitglied dieser jüdischen Familie zu sein. Ich war froh, daß dieser Roman 770 Seiten hat, obwohl ich sonst keine dicken Schmöcker in die Hand nehmen mag. Die einzelnen Charaktere sind äußerst liebevoll geschildert und wachsen einem schnell ans Herz. Zum einen leidet man mit wenn von Haß und Greueltaten die Rede ist und dann kann man aber auch wieder herzhaft schmunzeln angesichts des jiddischen Wortwitzes und Humors. Es handelt sich hier in der Tat um einen wunderbaren Schmöcker.
Ein ganz gewöhnlicher Jude |
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