Bücher Search Bücher BücherMein ist die Rache: Novelle
Dtv by Friedrich Torberg Search Friedrich Torberg
Customer Reviews:"Keine Geschichte nur so zum Zeitvertreib" 
Es ist die Hölle, die Torberg in seiner Novelle erzählt, die Hölle des Konzentrationslagers Heidenburg. Und wie er sie erzählt ist tief bewegend, atemlos und bis zur Unerträglichkeit grausam. Und im letzten Satz kulminiert die Spannung noch, implodiert gleichsam in einem Punkt, so dass alles noch einmal in neuem, völlig verändertem Licht erscheint.
Deshalb die wichtigste Empfehlung zuerst: auf keinen Fall den letzten Satz vorher lesen und ebensowenig vorher das instruktive, ausgesprochen gute Nachwort von Marcel Atze, das auch über diesen letzten Satz viel zu sagen weiß. Sonst verdirbt man sich bedeutsame Eindrücke.
Worum geht es? Um die Spannung zu erhalten, nur ein paar Schlaglichter auf die Handlung:
Der Rahmen der Novelle spielt im Hafen von New York. Dort begegnen sich zufällig zwei Männer, als sie auf Emigranten aus Europa warten. Es ist der November des Jahres 1940. Rätselhaft, dass der eine auf ganze 75 Menschen so intensiv wartet, als hinge sein eigenes Leben davon ab. Die Klärung dieses Geheimnisses gibt es erst gegen Schluss. Zunächst beginnt er seine Geschichte zu erzählen, "keine Geschichte nur so zum Zeitvertreib", wie er warnend vorausschickt.
Seine Geschichte handelt dann von Heidenburg. Nomen est omen, das Konzentrationslager steht für das grausame "Toben der Heiden" (Psalm 2,1) gegen das Gottesvolk Israel, Gipfelpunkt von 3000 Jahren Verfolgung. Wie im Nachwort präzis erläutert, erzählt Torberg anhand historischer Tatsachen aus den Emslandlagern der Nationalsozialisten.
Der neue Lagerkommandant Wagenseil zeigt sich mit stets schräg geneigtem Kopf als kalter Meister der Schikane und des Todes. Er wählt einen Häftling nach dem andern aus, der so lange gefoltert wird, bis er schließlich freiwillig Selbstmord übt.
Als ein Mithäftling widersteht und sich nicht selbst tötet, ja sogar einen Plan der Rache entwickelt, entspinnt sich in der Baracke ein Duell zwischen Rabbinatskandidat Aschkenasy und dem Ich-Erzähler, ob sie als Juden Rache üben dürften, oder ob sie geduldig leiden sollten, um die Rache Gott zu überlassen. Dieses Duell steigert sich in die Worte des 94. Psalms: "Herr Gott, des die Rache ist, Gott, des die Rache ist, erscheine! Erhebe Dich, Du Richter der Welt! Herr, wie lange sollen die Gottlosen prahlen! Herr, sie zerschlagen Dein Volk ...", den Aschkenasy ganz zitiert. Selten habe ich einen Psalm so intensiv und bewegt gelesen wie hier.
Dann wird als nächster der Ich-Erzähler von Wagenseil erwählt. Wahl, Erwählung, Entscheidung und Nichwählenkönnen ist das zweite, starke Hauptthema der Novelle, von der existentiellen Extremsituation des Gefesselten bis hin zur großen Frage Israels, ob Erwählung nicht vielmehr Fluch heiße. Das innerjüdische Duell zwischen gottergebenem, gewaltlosem Erleiden und gewaltsamem Rachenehmen wird um das äußere Duell zwischen sadistischem Täter und scheinbar wehrlosem Opfer erweitert, eindringlich und packend auch durch die inneren Monologe des Gefolterten.
Die Perfidie Wagenseils ist nicht nur physische Gewalt. Deutlich wird sie auch, wenn er den Grund der Judenverfolgung nennt: "Wir verstehen uns. Die jüdische Weltverschwörung besteht darin, dass es Juden gibt. Und sie wird solange bestehen, als es Juden gibt. Jeder Jude gehört ihr an, einfach dadurch, dass er Jude ist. Diesem Tatbestand wollen wir von der Wurzel her beikommen." Oder wenn der Heidenburgkommandant die klassischen Vorwürfe aller Demagogen, nämlich Peinlichkeit und Dummheit, im Mund führt: "Das ist übrigens einer eurer peinlichsten Fehler; dass ihr die andern für dumm haltet. In Wahrheit seid nämlich ihr die Dummen. Zu allem andern seid ihr auch noch dumm."
Im Delirium sagt der Gefolterte nur noch zwei Sätze, die Quintessenz seiner todgeweihten Existenz: "'Ich habe die Wahl', und 'Mein ist die Rache'." Torberg entlässt die Leser nicht mit einer Lösung dieses existentiellen Konflikts, aber mit Wahnsinnseindrücken. Ein erschütterndes Meisterwerk.
Ergänzende Bemerkung:
Der Titel dieser Rahmennovelle entstammt nicht den Psalmen, wie einige Rezensenten in selbst angesehenen Zeitungen geschrieben haben, sondern wörtlich dem fünften Buch Mose (Deuteronomium), Kapitel 32, dem im Judentum so wichtigen "Lied des Mose" (hier Vers 35).
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