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Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein Soziologe taucht ab. Er will für ein Forschungsprojekt die Lebensbedingungen in einem heruntergekommenen Viertel von Chicago erforschen. Mit langen Fragebögen, reinem Gewissen und blanker Naivität tappt er in alle möglichen Fallen und schafft es dennoch, Zugang zu den Bewohnern zu finden und auch Vertrauen zu gewinnen. Er lernt Menschen kennen, die ihm zeigen, wie in einem modernen Ghetto, in einem in sich geschlossenen System, Geld verdient wird: mit Drogen, Alkohol, Prostitution, Ausbeutung, Gewalt.
Sudhir Venkatesh, im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern aus Indien in die USA gekommen, bekennt, dass er als Außenstehender versucht hat, "das Leben im Ghetto von innen heraus zu ergründen". Niemand hat ihn an der Universität auf diese Situationen vorbereitet. Mit verblüffender Ehrlichkeit und wissenschaftlicher Neugier erreichte er so Zugang zu "J. T.", Chef der Gang "Black Kings", die Kokain zu Crack aufkocht und militärisch organisiert verkauft. Und es geht in dieser Beschreibung so zu, wie wir es alle aus amerikanischen Filmen kennen. Aufgemotzte Autos, brutale Kerle und leichte Mädchen, korrupte Polizisten und Beamte, eine hierarchische Ordnung, die mit drakonischen Mitteln unter Gangstern und Bewohnern dieses Ghettos durchgesetzt wird, in der die Mehrzahl Farbige sind und 90 Prozent von Sozialhilfe leben.
Natürlich gibt es auch die Guten. Unterdrückte, die Gestrauchelten helfen. Selbst Boss "J. T." legt Wert darauf, Gutes zu tun und darüber zu reden. Er gibt Jugendzentren Geld für Computer und Sportgeräte, ordnet Gang-Mitglieder dazu ab, alten Menschen beim Einkauf zu helfen, sorgt aber auch dafür, dass am Wahltag der aus seiner Sicht Richtige das Kreuz erhält.
Es ist eine verrückte, aber reale Geschichte über dieses Viertel, das der Autor hier als Ghetto beschreibt. Es ist eine spannende Reportage aus den 90er-Jahren, die Venkatesh vorlegt; sein Mut und seine Offenheit, auch die seiner Gesprächspartner, nötigen Respekt ab. Seine Professoren hatten ihn übrigens davor gewarnt, "zu nahe an die Quelle zu kommen", der er sich dann verpflichtet fühlen könnte - die wissenschaftliche Neutralität könnte darunter leiden.
"Alle Menschen, Orte und Institutionen sind real", schreibt der Autor im Nachwort. Er habe jedoch einige Namen geändert und einige Schauplätze hinter verschleierten Umschreibungen verborgen. Warum "J. T.", der Boss, den Doktoranden der Soziologie so nahe an sich herankommen ließ? Er hoffte, dass Venkatesh seine Biografie schreiben würde... --Hans Jürgensen, Literaturtest
Letztlich bleibt doch alles beim Alten ![]()
Der Immigrant aus Südasien hat es geschafft. Sudhir Venkatesh ist heute Professor und Institutsdirektor an der Columbia University, hat einen Eintrag auf Wikipedia, viel Medienpräsenz und laut Klappentexter den Ruf, einer der weltweit wichtigsten Sozialwissenschaftler zu sein. Wenn er nun diesen Bestseller mit dem Bekenntnis schließt, noch immer Schuldgefühle zu haben, dass er die Hauptperson J.T. im Glauben ließ, dessen Biografie zu schreiben, so ist dies zwar löblich aber letztlich doch traurig. Denn damit bestätigt er, was ich während der ganzen Lektüre vermutete: Auch Sudhir Ventaktesh benutzt das Vertrauen, das ihm die Bewohner der Sozialghettos entgegenbrachten vor allem dazu, Karriere zu machen. Im Unterschied zu anderen akademischen Feldforschern hält sich Venkatesh immerhin mehr zurück, seinen akademischen Voyeurismus mit den üblichen Rationalisierungen zu kaschieren.
Die Story an sich ist weniger spektakulär, als sie Autor und Klappentexter darstellen. Ein ehrgeiziger Student mit indischen Wurzeln will sich nicht damit abfinden, dass die Realitäten amerikanischer Sozialghettos mit Fragebogen erfasst werden sollen. Also lässt er das untaugliche Instrument zu Hause und verbringt während der nächsten zehn Jahre einen Teil seiner Lebenszeit mit den Bewohnern solcher Sozialsiedlungen, erwirbt sich das Vertrauen, macht sich Notizen und schreibt schließlich seine Doktorarbeit. Am Schluss wird die Siedlung abgerissen und Sudhir Venkatesh Professor. Bei Pretty Woman kehrt Richard Gere wenigsten zurück, überwindet seine Höhenangst und nimmt mit den Rose im Mund das Aschenputtel Julia Roberts in sein Märchenreich mit. Aber das ist Hollywood. Hier geht es um Soziologie und die Befriedigung eigener Eitelkeiten.
Bleibt die Frage, was der Leser von der Lektüre dieses speziellen Steigbügelhalters für eine akademische Karriere hat. Erstaunlicherweise weiß er am Schluss nicht mehr, was ihm gute Dokumentarfilme ebenfalls zeigen können. Auch in Ghettos gibt es geschriebene und ungeschriebene Gesetze, wird geliebt, geschlagen, gewirtschaftet und gehofft. So wie jedes System organisiert sich auch ein auf dem Papier entworfenes Sozialprojekt selber und nicht unbedingt nach den Vorstellungen seiner Planer. Zuerst das Fressen, dann die Moral. Das wird nur deshalb klarer, weil das Fressen knapper ist als bei denen, die Karten für die Dreigroschenoper kaufen. Der Leser, und das überraschte mich am meisten, erfährt herzlich wenig über die Schlüsse, die ein akademisch geschulter Beobachter wie Sudhir Venkatesh aus seinen Beobachtungen zieht. Und weil dem Leser auch keine Einblicke in die Arbeitsweisen von Soziologen geboten werden, fragte ich mich am Schluss, ob es nicht besser wäre, einen gut geschriebenen Roman zu diesem Thema zu lesen. Denn die gibt es. Sogar von Autoren, die aus diesen Sozialklassen stammen, ihre eigenen Lebensgeschichten literarisch aufarbeiten und mit ganzem Herzen dabei sind.
Mein Fazit: Letztlich blieb bei mir das Gefühl hängen, ich hätte es mit einer besonders raffinierten Variante des Topos "Oberschicht grüsst Unterschicht" zu tun. Der Autor schaffte es, dank seiner nicht ganz gewöhnlichen Feldforschung, seine akademische Karriere zu beschleunigen, während die Beobachteten sich einmal mehr damit abfinden müssen, dass solche Berichterstattungen herzlich wenig an ihrer Situation ändern. Und wenn ich die Publikationen und die Arbeitsweisen der akademischen Zunft betrachte, zweifle ich sogar daran, dass sich an der Liebe zu Fragebögen viel ändern wird.
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