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Bis an den Rand ![]()
Wo andere Schriftsteller Erzählungen bis auf wenige Seiten kürzen, testet Alice Munro ihre Geschichten bis an die Grenze zur Novelle, zum Roman hin aus. In ihnen fasst sie ganze Leben in Abschnitte zusammen, wechselt die Perspektiven und behält doch eines im Blick: Das Schicksal. Dies mag ein altmodischer Begriff sein, doch in Tricks folgt sie den feinfühligen Windungen von Ehen, Aufbrüchen und ungewolltem Scheitern. Was sich auf dem Papier anfühlt, als stände das Glück kurz bevor, erweist sich im Alltag als nicht lebensfähig: Lügen wie Betrug erwachsen dem Nichts, fußen fast immer in Verblendung, Verklärung, dem Versuch, einem Leben zu entfliehen. Eine Tochter fühlt sich in Verfehlungen angesichts des Dauerstreits ihrer Eltern adoptiert, bis das schreckliche Geheimnis in Gestalt von Delphine, der Beinah-Mutter, aufkreuzt, die hellseherischen Kräfte von Tessa in Kräfte bringen sie an der Seite eines Geschäfte witternden Mannes direkt in die Anstalt, wo sie ausgerechnet ihre Freundin Nancy ausfindig macht, die die beiden zusammengebracht hat, oder in Leidenschaft endete ein flackernde Liebe in einem Unfall und der Erkenntnis, dass eine Frau den Bruder besser nicht heiraten sollte. Allesamt brüchige, fragile Geschichten, auf ein Mindestmaß reduziert, was ihren besonderen Reiz ausmacht, da der Leser mehr hinter den Erzählungen entdeckt, als Alice Munro preisgeben will. Ganz wie das Titelbild verspricht. Geschichten von Frauen, die ihren Schatten berühren.
Loblied mit kleiner Einschränkung ![]()
Ein Loblied auf Alice Munro kann allenfalls noch Refraincharakter haben. Nicht von ohngefähr wird die 1931 in Ontario geborene Kanadierin immer wieder als Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt. Auch in ihrem 10. Erzählungsband "Tricks" beweist sie ihre faszinierende Meisterschaft, scheinbar einfache Geschichten von normalen Menschen zu ersinnen, die sich stets als vieldeutig erweisen. Die Autorin denkt gar nicht daran, dem Leser rätselauflösende Antworten anzubieten - gerade dies aber könnte u.a. ihren großen Erfolg ausmachen, denn sie beläßt ihrer Leserschaft die Mündigkeit. Hinweis: Alice Munro schreibt zwar keine "Frauenliteratur" (Frauen schreiben über Frauen für Frauen), doch zeigt sie weniger Sympathien für ihre Männer- als für ihre Frauenfiguren: ein alkoholkranker Arzt bringt sich mit seinem Sportwagen um; ein Fischer ertrinkt und wird am Strand verbrannt; ein einsamer Selbstmörder wirft sich vor einen Zug; der Reitlehrer entpuppt sich als mieser Typ ...
Eine geniale Geschichtenerzählerin ![]()
Dies ist das nach „Himmel und Hölle“ nun der elfte Erzählband, der 1932 geborenen kanadischen Autorin. Sehr viele ihrer Kollegen halten sie für die beste nordamerikanische Schriftstellerin. Bei uns wird sie kaum gelesen. So ist und bleibt sie immer noch der absolute „Geheimtipp“. Den Fischer Verlag muss man loben, weil er trotzdem viel Geld für die Lizenzen gezahlt hat, sehr viel Geld auch für eine hervorragende Übersetzung. Diese Erzählerin ist eine echte Entdeckung. Die Geschichten die sie erzählt sind sehr komplex, voll mit kleinsten Details, die aber im Leben der beschrieben Personen „Entscheidendes“ bewirken können. Die Erzählerin ist eine wahre Connaiseuse ihrer Umwelt.
Sie lebt in einem kleinen Kaff in Ontario, hat ihr gesamtes Personal, für alle ihre Geschichten, aus diesem kleinen Dorf bezogen. Es sind Menschen, vornehmlich Frauen und Mädchen, die keine großartigen Karrieren machen, die kleine, unscheinbare Leben leben.
Auch in ihrem neuen Buch „Tricks“ ist in den acht Erzählungen viel von Wunden, Tod, Bedrohung, Sehnsucht und Leid die Rede. Wenig endet glücklich. Die Erzählerin betrachtet die menschlichen Unzulänglichkeiten mit kritischem Auge. Eigentlich haben die Geschichten kein gemeinsames Dach, kein gemeinsames Thema, keinen Plot den man neunzig Minuten erzählen kann aber sie sind durch die Art, wie sie erzählt werden miteinander verbunden. Alice Munro beobachtet dabei sehr gekonnt die ehelichen „Gefühlshaushalte“. Und was mich so unendlich fasziniert ist, dass diese kleinen Leben eine unglaubliche Größe entwickeln. Es sind Geschichten die man immer wieder lesen kann, sie sind endlos in ihrem Reichtum durch ihre vielseitigen Verästelungen.
Diese Geschichten sind schon sehr raffiniert ausgerollt. Es gibt überhaupt keine psychologischen Kommentare von Alice Munro zur Person. Die Personen werden quasi nur durch Handlungen und Entscheidungen charakterisiert. Es wird nicht erklärt, es wird simpel konstatiert.
Sie erzählt einfach in ein Leben hinein, man weiß zunächst gar nicht wo die Reise hingeht. Sie hält die bedeutenden Dinge bewusst klein. Und wenn man nach der Lektüre von einigen Seiten denkt, das war die Geschichte, dann plötzlich kommt eine Wendung und diese Wendung erfolgt dann auch noch aus der Logik heraus. Sie schreibt so, wie sich uns eine russische Puppe darstellt. Immer erscheint wieder einen neue Puppe, immer wieder tut sich bei der Autorin eine neue Geschichte auf, die viele unterschiedliche Facetten und Schichten entwickeln.
Und irgendwie, obwohl es immer wieder niederschlagende, tragische, melancholische Erzählungen verheirateter Menschen sind, die ihre Geheimnisse doch in irgendeiner Form bewahren, am Ende erscheint alles wie ein Loblied auf die Ehe.
Alice Munro ist eine Dialogschreiberin, denn viele ihrer Texte bestehen aus wörtlicher Rede, und sie macht es großartig geschickt, dass die Grenze zwischen dem, was sie sagt und dem, was die Personen ihrer Geschichten sagen, gleitend ist.
In ihren Geschichten zeigt sie, im psychologischen, ohne zu erklären, die Psychologie. Ihre Geschichten sind raffiniert konstruiert. Diese Erzählerin kann derartig rasant erzählen, das geschieht mit einer Meisterschaft, die hinreißend und zugleich zu tiefst irritierend ist.
Ich empfehle dieses Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.
Virtuose Erzählungen ![]()
Die unübertreffliche Alice Munro schafft es auch in diesen acht virtuosen Erzählungen, aus dem einfachen tägliche Leben etwas Besonderes zu machen. Es geht um Macht und Vertrauensbrüche in der Liebe, um verlorene Kinder und verlorene Chancen. Was diese Geschichten, die teilweise im „New Yorker“ erschienen sind, so fesselnd und kraftvoll macht, sind der subtile Schmerz und die Verzweiflung unter der fast friedlichen Oberfläche aus Selbstbetrug, Illusionen und Getrickse. Die Charaktere kämpfen um Anerkennung und flüchtige, freundliche Gesten in ihren Beziehungen, die stärker sind, als der eigene Wille. Man weiß nie, wo Munros Geschichten hin führen – nur, dass man hinterher klüger ist.
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