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Fakten, Fakten, Fakten! ![]()
Stefan Zweig beschreibt Erasmus von Rotterdam als ueberzeugten Pazifisten und Europaeer, der sich - auf humanistischer Grundlage - vehement fuer einen friedlichen Interessenausgleich zwischen den Voelkern einsetzt. Dass Stefan Zweig die pazifistischen, humanistischen und einigenden Ideen des Erasmus von Rotterdam so stark betont, wird aber erst dann klar, wenn man bedenkt, dass das Buch 1938, also am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, erschienen ist. Stefan Zweig, der auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, 1942 im brasilianischen Exil, zusammen mit seiner Frau, Selbstmord beging, muss wohl geahnt haben, dass sich diese hehren Ziele nicht durchsetzen wuerden. Denn wie sonst ist es zu erklaeren, dass er es Erasmus persoenlich uebelnimmt, dass dieser - als reiner Theorethiker - immer davor zurueckscheute, sich in die konkrete Politik einzumischen?
Er schreibt dazu:
"Denn dies war die tiefste Tragik des Humanismus und die Ursache seinesraschen Niederganges: seine Ideen waren groß, aber nicht die Menschen, die sie verkündeten. Ein kleines Gran Lächerlichkeit haftet diesen Stubenidealisten wie immer den bloß akademischen Weltverbesserern an, dürre Seelen sie alle, wohlgesinnte, honette, ein wenig eitle Pedanten, die ihre lateinischen Namen tragen wie eine geistige Maskerade: eine schullehrerhafte Pedanterie verstaubt bei ihnen die blühendsten Gedanken. Rührend sind diese kleinen Genossen des Erasmus in ihrer professoralen Naivität, ein wenig ähnlich den braven Menschen, die man auch heute in den philanthropischen und Weltverbesserungsvereinen versammelt erblickt, theoretische Idealisten, die an den Fortschritt wie an eine Religion glauben, nüchterne Träumer, die an ihren Schreibpulten eine sittliche Welt konstruieren und Thesen des ewigen Friedens niederschreiben, während in der wirklichen Welt ein Krieg dem andern folgt und ebendieselben Päpste, Kaiser und Fürsten, die ihren Verständigungsideen begeistert Beifall zollen, gleichzeitig mit- und gegeneinanderpaktieren und die Welt in Brand setzen."
Bei aller Sympathie fuer friedliche Konfliktloesungen, liberale Gedanken und die europaeische Einigung, stellt sich dann doch die Frage:
Ueber wessen Grundhaltung erfharen wir mehr:
Ersamus von Rotterdam oder Stefan Zweig
Interessanter und plastischer wird der Disput zwischen Erasmus und Martin Luther dargestellt, wenn z. B. Luther folgende Aussage in den Mund gelegt wird:
"Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig."
Das Buch ist nicht etwa unglaubwuerdig, es bleibt jedoch ein ungutes Gefuehl und man ist geneigt auszurufen:
Fakten, Fakten, Fakten!
Klasse! ![]()
Stefan Zweig hat Erasmus von Rotterdam, den großen Humanisten, den ersten "bewußten 'Europäer" genannt. Für ihn war er der "verehrte Meister", dem er sich im geistigen, vor allem aber in der Ablehnung jeglicher Gewalt verwandt fühlte. "Die Gestalt eines, der nicht im realen Raume des Erfolgs, sondern einzig im moralischen Sinne recht behält", faszinierte ihn. Die Kraft des Geistes und die Schwäche zum Entschluß der Tat machen Erasmus "Triumph und Tragik" aus. In der entscheidenden Stunde, vom Kurfürsten um seine Haltung im Glaubensstreit zwischen Luther und dem Papst befragt, empfiehlt er, bei offener Sympathie für die Reformation "angesehene und unverdächtige Richter", klammert er seine eigene Meinung in vorsichtigen Vorschlag, will er nicht "Bürge sein für eine noch gar nicht errechenbare Schuld". In dieser Haltung, durch die die Glaubensspaltung nicht verhindert werden konnte, sahen seine Zeitgenossen und auch spätere Generationen charakteristische Unentschiedenheit. Stefan Zweig versucht mit seiner Biographie, Erasmus das widerfahren zu lassen, was für ihn der Sinn seines Lebens war: Gerechtigkeit. Er weiß "Der freie, unabhängige Geist, der sich keinem Dogma bindet und für keine Partei entscheiden will, hat nirgends Heimstatt auf Erden.
eine verdeckte Selbstdarstellung Stefan Zweigs ![]()
Ich habe mich inzwischen abgewandt von Stefan Zweig. Zu sehr hat mich seine vielgerühmte Sprache nach der Lektüre vieler seiner Bücher angeödet. Stefan Zweig neigt dazu, zu übertreiben - er besticht gerade dadurch, wie eben hier beim "Erasmus", durch das Benutzen von Superlativen - als wäre dies die einzige Möglichkeit - den Leser in seinen Bann ziehen zu wollen.
Erasmus selbst ist eine Art Antiheld, der in der Poesie Zweigs zum moralischen Sieger der Auseinandersetzung mit Luther hochstilisiert wird. Es ist aber durchaus faszinierend, dass dies Zweig so überzeugend gelingt. Das liegt vielleicht auch daran, dass Erasmus wohl mehr eine verdeckte Selbstdarstellung Stefan Zweigs ist, der es Zeit seines Lebens abgelehnt hatte, politisch Stellung zu beziehen.
Sehr gut gelungen ist die Gegenüberstellung der beiden Konrahenten, Luther und Erasmus ("Selten hat das Weltschicksal zwei Menschen charakterologisch und körperlich so sehr zu vollkommenen Kontrast herausgearbeitet..."). Luther wird als ein die Massen begeisternder, voller Kraft strotzender Bauernsohn dargestellt (man glaubt manchmal sogar Züge bestimmter Nazigrößen in ihm wiederzuerkennen). Erasmus dagegen ist ein schwächlicher Gelehrter, der es vorzieht, mit den intellektuellen Eliten Europas auf Latein zu parlieren, und eine humanistische Weltanschauung vertritt.
Dieses Buch kann ich trotz meiner bereits angeführten Abneigung gegenüber Zweig wärmstens empfehlen. Man erfährt hier mehr über das Innenleben des Autors, als in seiner Autobiographie "Die Welt von Gestern.
Gute Recherche, exzellent und einfühlsam geschrieben ![]()
Stefan Zweig ist weiß Gott nicht immer mein Fall. Er kann brillant schreiben, siehe z.B. die "Schachnovelle" oder die Biographien von Maria Stuart oder Amerigo. Manchmal wird er aber für meinen Geschmack zu schwärmerisch oder zu "schmalzig" (ich finde leider kein besseres Wort. Als Beispiel seien hier "Brennendes Geheimnis" oder "Mondscheingasse" genannt. Das Buch "Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam" gehört zweifellos zu der ersten Kategorie. Stefan Zweig spielt seine beiden Stärken Einfühlungsvermögen und genaue Recherche hervorragend aus. Das Ergebnis ist ein durchaus engagiertes Bild der Zeit des Erasmus von Rotterdam und Luther. Man merkt das Bemühen des Autors, zu verstehen, warum er so handelte, wie er handelte. Wer etws Hintergrundwissen über einen der größten Humanisten erlangen möchte, kann dies hiermit auf äußerst angenehme Art und Weise tun. Wer dann neugierig geworden ist, dem kann ich das "Lob der Torheit" von Erasmus von Rotterdam sehr empfehlen.
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