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Ungewohnt aber trotzdem gut ![]()
Maarten 't Harts Romane spielen fast immer in seiner Heimat, der Region südlich von Rotterdam. Es ist faszinierend, wieviel Stoff 't Hart aus dieser unspektakulären Gegend zieht.
Anders an diesem Roman im Vergleich zu früheren ist, dass der Autor ihn in das 18. Jahrhundert verlagert. Aber so erhält er u.a. die Gelegenheit, nicht nur über von ihm geschätzte Komponisten zu schreiben, sondern diese auch in kurzen Rollen auftreten zu lassen.
Das Buch liest sich sehr gut. Die Beschreibung der lokalen historischen Situation im ausgehenden 18. Jahrhundert gelingt ihm ausgezeichnet. Sehr schön zu lesen sind die Diskrepanzen zwischen dogmatischer Religion und zunehmender Aufklärung. Der ebenfalls beschriebene Mißbrauch von Religion für eigentlich soziale Anliegen ist hochaktuell.
Insbesondere letzteres lässt verschmerzen, dass der eigentliche "Stimmungszauber" seiner früheren Romane in diesem Buch nicht so stark ist.
Ein historischer Fleißroman ![]()
Was tut ein freier Schriftsteller, wenn er mehrere durchaus erfolgreiche Bücher geschrieben hat und nun nach einem neuen Thema sucht? - Er erinnert sich seines Geburtsorts!
Maarten 't Hart ist in Maassluis geboren. Und eben diesem Ort widmet er seinem im Jahre 2006 erstmals erschienenen Roman. Als wissenschaftlich ausgebildeter Biologe fällt ihm Quellenstudium nicht schwer. Für diesen über 400 Seiten starken Roman, vermutlich der umfangreichste bisher, hat 't Hart umfangreiche Recherchen betrieben. Seine Quellen stellt er dem Leser im Nachwort zur Verfügung. Dass dem Leser nebenbei die gesamte Vogelwelt von Maassluis vorgeführt wird, wundert treue 't Hart Leser spätestens seit "Ein Schwarm Regenbrachvögel" nicht. Sie wissen auch, dass ihr Autor aus einem streng calvinistischem Elternhaus stammt, das es in anderen Romanen verarbeitet hat.
Und so arbeitet sich 't Hart belletristisch durch sein eigenes erlebnisreiches Leben. Viel Fiktion hat er nie gebraucht, nur eben sein Talent, diese Geschichten mehr oder weniger spannend zu erzählen.
Im also keineswegs erfundenen "Psalmenstreit" werden historische Fakten zum einem dokumentarischen Roman verarbeitet. Selbst die handelnden Personen sollen so gelebt haben. Mit ein bisschen Phantasie und einem erträglichen Schuss Herz-Schmerz entsteht so ein Zeitdokument des 18. Jahrhunderts, das mir um vieles lieber ist, als die seit Jahren grassierende Historienromanpest der Massenliteratur. Dafür nehme ich eine etwas reduzierte Spannung in Kauf und freue mich an 't Harts Erzählstil, der einem breiten, mäandernden und langsam fließenden Fluss gleicht.
Fazit: Nur geeignet für Liebhaber der Romane von Maarten 't Hart und Lesern von belletristisch aufbereiteten historischen Romanen.
Nicht nur Psalmenstreit ![]()
Ein sehr holländisches Buch:
1. Das Ambiente: Dämme und Kanäle, Hafen und Schiffe, Farben und Bewegungen und Geruch des Meeres, das Kopfsteinpflaster, die Brücken, die Kirchen mit den großen Orgeln.
2. Das Leben der Bewohner von Maassluis: Die Armut der Fischer, die stets von Arbeitslosigkeit bedroht sind, die Sorgen der -gar nicht so reichen- Reeder, die Rolle, die die Religion spielt.
3. Die Namen: Stroombreker, Schelvisvanger, Willem van der Jagt, Bartholomeus Ouboter:
4. Die schwierige Historie: Der Erbprinz, der Krieg mit England, die Verbindung der Häuser Preußen und Oranje.
5. Die Atmosphäre des 18. Jds, die -im Original- bis in die Sprache getroffen ist, mit ihren -heute fast unverständlichen- pseudoreligiösen Auseinandersetzungen, hinter denen sich massive soziale Probleme verstecken.
Feinfühlig gezeichnete Charaktere: der von Jugend auf skeptische, unabhängig denkende, kunstsinnige Roemer, der in eine schreckliche Ehe gezwungen wird, nur weil die Braut zwei Schiffe als Mitgift bringt, der in einem der wenigen kurzen Momente des Glücks mit Anna einen Sohn zeugt, zu dem er sich nicht bekennen darf. Der ironisch überlegene Lehrer, einziger Freund Roemers. Die lavierenden, feigen, entschlußarmen Ratsmitglieder der Stadt, die nur wenig über den dumpfen, keinem Argument zugänglichen Fischern und Handwerkern stehen. Und schließlich die Meute der brüllenden, plündernden jungen Männer, zu denen auch Roemers Sohn zählt.
Eine Lebens- und Liebesgeschichte, in die die religiösen, politischen und sozialen Probleme und Katastrophen eingewoben sind, die von den armen Fischerhütten in Maassluis bis in das Palais von Amsterdam in der Begegnung mit Napoleon führt, die von der ersten Begegnung mit Anna bis zur letzten, wortlosen des alten Mannes mit seinem immer noch vom Haß gezeichneten Sohn am Ende des Romans reicht.
Ein Gemälde, so satt wie ein Breughelbild, aber wie beim Maler ist das Bild gestört, durch Aufruhr, blinde Gewalt auf der einen und Feigheit und Prinzipienlosigkeit auf der anderen Seite.
Ein sehr holländisches Buch? Viel mehr niederländische Farben als in den großartigen Geschichten, die Gijs Ijlander (Der Skandal) oder Jan Siebelink (Knielen...) erzählen. Und, obwohl historischer Roman von grandioser Wucht, eine sehr aktuelle Geschichte über unversöhnlichen, alles zerstörenden Radikalismus, der scheinbar aus dem Nichts entsteht. Ein Roman mit viel hintergründigem, hinterkünftigem Humor und feiner Ironie, man lese mehrfach die Reden der Maassluiser Abgesandten vor Wilhelm V. und dessen Antwort.
Schade ist es, daß der Übersetzer den Witz, die feine Ironie, die bildreichen Metaphern des Originals nur schwer vermitteln kann.
Man muß nach der Lektüre nach Maassluis und Delft fahren.
Gott, Musik und Mensch im "Psalmenstreit" ![]()
Gott, Musik und Mensch - dies sind die Themen, die so ziemlich alle Bücher der großartigen niederländischen Schriftstellers Maarten't Hart wie ein roter Faden durchziehen. Das gilt auch für den neuen Roman "Der Psalmenstreit".
In diesem Roman entführt uns der Autor in seine Gebrutsort Maassluis und in das Jahr 1739. Historisch verbürgt zu dieser Zeit und in diesem Ort ist ein heftiger Streit um die Frage, wie langsam oder schnell die Psalmen im Gottesdienst gesungen werden dürfen. Um Musik geht es also und um Religion, um Tradition und Moderne.
Maarten't Hart hat sein Thema gefunden. Ohne allerdings den Blick dafür zu verlieren, was sich um diesen Streit herum in Maassluis entwickelt: Ein Kampf um das wirtschaftlicher Überleben der Fischer, um den Reichtum der Reeder, um Dumpinglöhne. Ein Kampf auch, dem sich die Hauptfigur Roemer ausgesetzt sieht. Er, der die übergewichtige Didercia heiraten musste und die Netzflickerin Anna liebt, steht mitten im Konflikt. Ein unheldischer Held jedenfalls und dennoch eine sehr sympathische Figur.
Diese literarische Konstellation hat der Autor brillant genutzt. Er spielt auf der gesamten Klaviatur seinen Könnens, sprachlich und dramaturgisch. Und das meisterlich.
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